Frage des Monats

 

Juli 2015:

Was ist die psychoanalytische Haltung? 

Vorläufige Kurzdefinition (für eilige LeserInnen)
Da sein
Zuhören
Alle Wahrnehmungsschleusen öffnen (auch die nach innen)
Sich nicht verkrampfen
Nicht hirnen
Zugewandt sein
Radikal frei bleiben
Nicht verstehen müssen
Nur reden wenn nötig
In den Prozess vertrauen
Die unangenehmen Wahrheiten aushalten
Pionier sein

(Fortsetzung folgt)

 

August 2015:

Warum wiederholen Analytiker ihre Deutungen nicht, auch wenn der Analysant darum bittet (z.B. weil er nicht richtig zugehört hat, oder provoziert, oder meint nicht zu verstehen, usw….)?

You cannot step into the same river twice…

Man kann eine sich entwickelnde gemeinsame Erfahrung wie die Entstehung einer Deutung nicht wiederholen, sie entspringt einem Moment, einer unmittelbaren Wahrheit in der Beziehung von Analytiker und Analysant, die nicht “zurückgespult” werden kann. Die Realität der Beziehung entwickelt sich weiter, beide sind Millisekunden später schon an einem anderen Ort. Man kann diese Weisheit (die vom griechischen Philosophen Heraklit stammt), auch auf das Leben an sich übertragen. Lebe jeden Moment, er kommt nicht wieder, schiebe nicht auf, lebe nicht in der Illusion, Verpasstes könne nachgeholt werden.

 

Dezember 2015:

Warum ist der Oedipuskomplex der “Kernkomplex der Neurosen”, wie Sigmund Freud sagte?

Die Antwort kann auf verschiedenen Ebenen gegeben werden, und ich werde sie auf verschiedene Monate verteilen. Fangen wir mit einer grundlegenden Beobachtung an: Das Kind hat mit etwa drei Jahren eine Entwicklungsstufe erreicht, in der es zu verschiedenen seelischen Leistungen fähig ist, die ihm aber auch das Meistern von neuen Entwicklungsaufgaben abverlangen. Zum einen ist es fähig, andere Personen als ganze Wesen wahrzunehmen und auch als solche mit eigenen Wünschen zu besetzen. Zum zweiten ist es fähig, den anatomischen Geschlechtsunterschied zu erkennen (bereits mit eineinhalb Jahren). Zum dritten, und das ist der wichtigste Punkt, hat es zum ersten Mal sexuelle Wünsche, die sich an den Genitalien festmachen. Diese Wünsche können aber wegen des Generationen-Unterschieds und auch wegen der Anatomie nicht befriedigt werden. Diese psychisch unhaltbare Situation führt zu innenseelischen Verwicklungen und individuellen Lösungsversuchen. Die Art dieser Lösungsversuche macht die Grundstruktur unseres Charakters aus, die mit ca. sieben Jahren festgelegt ist. (Fortsetzung folgt)

 

Juli 2016:

Was ist das Wesen von Mut?

Denke selbst! Sprich aus, was Du denkst! Ertrage Kastrationsangst, und stelle Dich Deinen inneren und äusseren Feinden!

 

Januar 2017:

(Fortsetzung von Dezember 2015)

Warum ist so schwierig, glücklich zu werden und glücklich zu bleiben? Und warum funktionieren die so genannten “positiven Therapien”, die dir nur einreden wollen “Don’t worry, be happy!” nicht?
Wie Johann Wolfgang Goethe schrieb: Nichts ist so schwer zu ertragen wie eine Reihe von guten Tagen! Warum?

Tief in unserem Unbewussten haben wir alle verdrängte Schuldkomplexe und Kastrationsängste, die unserem Glücksstreben und unserem Verlangen, das Beste aus unserem Leben zu machen, entgegenwirken. Wir alle kastrierten und ermordeten unsere Eltern während der dramatischen ödipalen Phase (zwischen 3 und 7 Jahren), natürlich nicht wirklich, sondern in der Fantasie. Aber ach! Im unbewussten Psychischen spielt es keine Rolle, ob wir etwas wirklich tun, oder nur in der Fantasie: Unser Gewissen reagiert genau so unbarmherzig, so als ob wir es wirklich getan hätten! Jeder Erfolg, ja jede Gelegenheit zum Glück, jeder Wunsch “es” zu packen, reaktiviert in uns diese alte seelische Situation, und wenn wir uns dessen nicht bewusst sind, sind Kreativitätshemmungen, Selbstsabotage, Unglück, Symptome wirksame Methoden, um unser grausames unbewusstes Gewissen zu beschwichtigen. Wir opfern das Glück, und hoffen Ruhe vor Gewissensbissen und Ängsten zu haben! Ein trauriger unbewusster Deal, den viele unbefriedigte Menschen schliessen! Darum funktionieren auch die so-genannten “positiven Therapien” nicht, die Dir einzureden versuchen *Don’t worry, be happy”! Sie sind reine Zeitverschwendung, weil das unbewusste innere Gewissensmonster immer stärker ist als unser bewusstes rationales Denken, wenn wir uns seiner nicht bewusst werden und es in hartem Ringen überwinden!

 

August 2017:

Gibt es aus psychoanalytischer Sicht so etwas wie das Ziel des Lebens? Wenn ja, welches wäre das?

Ich bitte alle LeserInnen, mir Vorschläge zu machen. Ich werde eine Auswahl davon sowie meine eigenen Gedanken veröffentlichen.

 

Fortsetzung folgt.

Leserinnen und Leser sind herzlich eingeladen, mir eine Frage per e-mail zu stellen, die ich dann im Rahmen dieser Rubrik beantworten werde.